Die anderen neunzig Prozent
Das Boot im Oktober
Eine Superyacht verbringt den größten Teil ihres Lebens festgemacht, leer und in Arbeit. Was in diesen Monaten geschieht, entscheidet, wie sich der Sommer anfühlt.

Wer eine Superyacht fotografiert, fotografiert den August: das Kielwasser des Tenders, den Whirlpool, die Gäste in Weiß vor einem Blau, das es nur zwischen elf und vier Uhr gibt. Besuchen Sie dieselbe Yacht in der dritten Oktoberwoche, und Sie finden sie längsseits in einem Arbeitshafen, einen Schlauch quer über der Passerelle, zwei Crewmitglieder fort, den Salonteppich aufgerollt und den Chief Engineer im Streit mit einem Lieferanten über den Liefertermin einer Dichtung.
Das ist die Yacht. Der Sommer ist das, was sie sechs Wochen lang tut.
Die Winterliste
Jede gut geführte Yacht hat ein Dokument, das Kapitän und Chief Engineer über die Saison aufbauen und im September dem Eigner oder dem Manager übergeben. Es ist die Winterliste: alles, was kaputtgegangen ist, alles, was kaputtgehen wird, alles, was den Gästen aufgefallen ist, und alles, was ihnen nicht aufgefallen ist. Mit Preis, Rangfolge und Datum.
Eine gute Winterliste ist ein Akt der Ehrlichkeit. Sie enthält die Punkte, die der Crew peinlich sind, die Ausfälle, die sie um drei Uhr morgens umschifft hat, damit die Gäste nie etwas merkten, und die teuren Dinge, die sich noch eine Saison aufschieben lassen, aber nicht zwei. Ein Eigner, der sie sorgfältig liest, erlebt im Juli keine Überraschungen.
- Deck: Teakstärke vermessen, Fugen, Edelstahl, Service an Tender und Davits, Fender und Leinen erneuert.
- Technik: Betriebsstunden von Motoren und Generatoren, Dichtungen der Stabilisatoren, Wassermacher, Klimaanlage, Batterien.
- Interieur: Polster und Stoffe gereinigt oder ersetzt, Holzlack aufgefrischt, die Matratze, von der niemand zugibt, dass sie neun Jahre alt ist.
- Elektronik: Updates für Kartenplotter und Radar, Unterhaltungssysteme, das WLAN, über das sich alle beschweren.
- Sicherheit: Wartung von Rettungsinseln und EPIRB, Brandschutzanlagen, Bordapotheke innerhalb des Haltbarkeitsdatums.
Wo sie liegt, zählt im Winter mehr
Einen Sommer übersteht eine Yacht überall. Ein Winterliegeplatz muss gegen die Richtung geschützt sein, aus der das Wetter tatsächlich kommt, bei Niedrigwasser tief genug, sicher und nah an den Handwerkern, die jeden Tag an Bord sein werden. Deshalb sammelt sich die Winterflotte an einer Handvoll Orte, keiner davon glamourös: La Ciotat, Palma, Barcelona, Genua, Viareggio, Antibes für die kleineren Yachten, Fort Lauderdale für die amerikanische Flotte.
Die berühmten Kais sind im Januar fast leer, was Eigner gelegentlich bemerken und als Gelegenheit missverstehen. Ein schöner Hafen ohne Schiffsausrüster, ohne Rigger und ohne Werft im Umkreis einer Stunde ist ein schöner Ort für ein Problem.
Die Crewfrage
Im Winter werden Crews geformt und verloren. Eine Yacht, die über den Winter die volle Crew hält, bezahlt Menschen, die drei Monate lang putzen und lackieren, statt zu servieren. Eine Yacht, die auf eine Rumpfbesatzung schrumpft, spart Geld und beginnt das Frühjahr mit einem Kapitän, einem Ingenieur und neun Fremden.
Der Mittelweg, den die meisten guten Yachten gehen, besteht darin, die Abteilungsleiter mit vollem Vertrag zu halten, die jüngere Crew in den Urlaub oder in Saisonjobs zu schicken und das Team sechs Wochen vor den ersten Gästen wieder zusammenzuholen. Die sechs Wochen sind kein Polster. So lange braucht eine neue Stewardess, um zu wissen, wo alles liegt.
Die Saison wird im Februar gewonnen. Im Juni findet man nur noch heraus, ob man die Arbeit gemacht hat.
Ein Chief Engineer auf einer Yacht, die in fünf Jahren keinen Chartertermin verpasst hatWas der Eigner in den stillen Monaten tun sollte
Vorbeikommen. Nicht zur Inspektion, das kränkt die Crew, sondern um die Yacht mit aufgerollten Teppichen und abgenommenen Paneelen zu sehen, denn nur dann kann Ihnen jemand zeigen, was tatsächlich hinter dem Innenausbau steckt. Eigner, die im Winter kommen, lernen in zwei Stunden mehr über ihre Yacht als in einer ganzen Saison voller Mittagessen.
Dann fallen die Entscheidungen, die Vorlauf brauchen: die Werftzeit, die Route, ob sie im November für die Karibik nach Westen geht, ob der Lack dieses Jahr gemacht wird oder nächstes. Eine Entscheidung im Oktober ist ein Plan. Dieselbe Entscheidung im März ist ein Aufpreis.
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